Fahrlässigkeit

Fahrlässigkeit liegt im Strafrecht vor, wenn der Täter eine objektiv gebotene Sorgfalt außer Acht lässt und dadurch einen tatbestandsmäßigen Erfolg verursacht, den er nach seinen persönlichen Fähigkeiten hätte vorhersehen und vermeiden können. Strafbar ist fahrlässiges Handeln gemäß § 15 StGB nur, wenn das Gesetz es ausdrücklich bestimmt. Die Prüfung verbindet objektive Pflichtwidrigkeit und Zurechnung mit der individuellen Vorwerfbarkeit. Sie erfolgt tatbezogen anhand der konkreten Gefahrenlage.

Gesetzliche Grundlage

Nach § 15 StGB ist grundsätzlich nur vorsätzliches Handeln strafbar. Fahrlässigkeit genügt nur, wenn der jeweilige Straftatbestand dies ausdrücklich anordnet, etwa bei der fahrlässigen Körperverletzung nach § 229 StGB oder der fahrlässigen Tötung nach § 222 StGB. Fehlt eine solche Bestimmung, begründet die bloße Sorgfaltswidrigkeit keine Strafbarkeit.

Objektive Sorgfaltspflichtverletzung

Maßstab ist das Verhalten eines besonnenen und gewissenhaften Menschen aus dem Verkehrskreis des Täters in der konkreten Lage. Welche Sorgfalt geboten ist, ergibt sich aus gesetzlichen Regeln, anerkannten Fachstandards, Verkehrsnormen und der erkennbaren Gefährlichkeit des Handelns. Erlaubtes Risiko bleibt straflos: Nicht jede Schadensverursachung ist pflichtwidrig.

Objektive Vorhersehbarkeit und Vermeidbarkeit

Der Erfolg und sein wesentlicher Kausalverlauf müssen für einen sorgfältigen Beobachter vorhersehbar gewesen sein. Außerdem muss ein pflichtgemäßes Alternativverhalten möglich gewesen sein. Völlig atypische Geschehensabläufe werden nicht zugerechnet. Die Handlung muss den Erfolg nach den Regeln über Kausalität verursacht haben.

Pflichtwidrigkeitszusammenhang

Der Erfolg ist nur zurechenbar, wenn gerade die missachtete Sorgfaltsregel den eingetretenen Erfolg verhindern sollte und pflichtgemäßes Verhalten ihn mit der erforderlichen Sicherheit vermieden hätte. Dieser Zusammenhang ist Teil der objektiven Zurechnung. Bleibt ernsthaft möglich, dass der Erfolg auch bei rechtmäßigem Verhalten eingetreten wäre, kann der Nachweis fehlen.

Individuelle Vorwerfbarkeit

Auf der Ebene der Schuld ist zu prüfen, ob der konkrete Täter nach seinen persönlichen Kenntnissen und Fähigkeiten die Gefahr erkennen und vermeiden konnte. Besondere Kenntnisse erhöhen den individuellen Maßstab. Fehlende Fähigkeiten entlasten nicht ohne Weiteres, wenn der Täter eine Tätigkeit übernimmt, deren Anforderungen er erkennbar nicht beherrscht; dies wird als Übernahmeverschulden bezeichnet.

Bewusste und unbewusste Fahrlässigkeit

Unbewusste Fahrlässigkeit

Der Täter erkennt die mögliche Tatbestandsverwirklichung nicht, hätte sie aber bei Anwendung der gebotenen Sorgfalt erkennen können und müssen.

Bewusste Fahrlässigkeit

Der Täter erkennt die Möglichkeit des Erfolgs, vertraut jedoch ernsthaft und nicht nur vage darauf, dass er ausbleiben werde. Darin liegt der entscheidende Unterschied zum bedingten Vorsatz: Dort findet sich der Täter mit dem Erfolgseintritt ab oder nimmt ihn billigend in Kauf.

Beispiel

Ein Autofahrer fährt bei dichtem Nebel erheblich schneller als die Sichtweite erlaubt und erfasst einen Fußgänger. Strafbarkeit wegen fahrlässiger Körperverletzung setzt nicht allein den Unfall voraus. Zu prüfen sind die verletzte Verkehrssorgfalt, die Vorhersehbarkeit des Zusammenstoßes, die Vermeidbarkeit bei angepasster Geschwindigkeit, der Pflichtwidrigkeitszusammenhang und die persönliche Fähigkeit des Fahrers, die Gefahr zu erkennen.

Häufige Fragen

Ist jede Unachtsamkeit strafbar?

Nein. Erforderlich sind ein gesetzlicher Fahrlässigkeitstatbestand sowie sämtliche objektiven und subjektiven Voraussetzungen. Leichte Alltagsfehler ohne tatbestandsmäßigen Erfolg reichen nicht.

Genügt ein Verstoß gegen eine Unfallverhütungsvorschrift?

Er ist ein wichtiges Indiz für die Sorgfaltspflicht, ersetzt aber weder Kausalität noch Zurechnung und individuelle Vorwerfbarkeit.

Was bedeutet Übernahmeverschulden?

Wer eine gefährliche Aufgabe übernimmt, obwohl er seine fehlende Eignung kennt oder erkennen muss, kann schon wegen dieser Übernahme sorgfaltswidrig handeln.

Weiterführende Quellen

Grundlagen erläutert strafrecht-faq.de. Der Gesetzestext findet sich in § 15 StGB.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechtsberatung.

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