Rechtspluralismus

Rechtspluralismus bezeichnet das gleichzeitige Bestehen mehrerer normativer Ordnungen innerhalb eines sozialen Raums. Neben staatlichem Recht können etwa Völkerrecht, Unionsrecht, religiöse Regeln, Gewohnheitsrecht, indigene Ordnungen oder private Regelwerke Verhalten steuern und Konflikte bearbeiten. Der Begriff beschreibt sowohl rechtlich anerkannte Mehrschichtigkeit als auch faktische Normkonkurrenz. Er wird vor allem in Rechtssoziologie, Rechtstheorie, Rechtsvergleichung und Völkerrecht verwendet.

Begriff und historischer Zusammenhang

Moderne Rechtsordnungen sind häufig nicht ausschließlich staatlich geprägt. In Deutschland wirken beispielsweise nationales Recht und Recht der Europäischen Union zusammen. Daneben können Verbände, Unternehmen oder Gemeinschaften eigene Regeln setzen, deren Verhältnis zum staatlichen Recht unterschiedlich ausgestaltet ist.

Rechtliche Bedeutung

Rechtspluralismus macht sichtbar, dass Zuständigkeit, Vorrang und Anerkennung geklärt werden müssen. Nicht jede soziale Norm ist staatlich verbindlich; zwingendes Recht und Grundrechte setzen privaten oder religiösen Regelwerken Grenzen.

Beispiel

Ein international tätiges Unternehmen unterliegt staatlichen Gesetzen, unionsrechtlichen Vorgaben und internen Verhaltenskodizes. Bei Widersprüchen entscheidet die jeweilige rechtliche Rang- und Zuständigkeitsordnung.

Häufige Fragen

Bedeutet Rechtspluralismus, dass jeder sein eigenes Recht wählen kann?

Nein. Welche Ordnung rechtlich maßgeblich ist, bestimmt sich nach staatlichem, internationalem oder unionsrechtlichem Kollisions- und Zuständigkeitsrecht.

Ist Föderalismus eine Form des Rechtspluralismus?

Er kann als institutionalisierte Mehrzahl staatlicher Rechtsordnungen verstanden werden, ist aber durch eine gemeinsame Verfassung und feste Kompetenzregeln geordnet.

Verwandte Begriffe

Rechtskultur, Soziale Norm, Völkerrecht, Anwendungsvorrang des Unionsrechts

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechtsberatung.

Ähnliche Beiträge

  • |

    Sachsenspiegel

    Sachsenspiegel ist ein im 13. Jahrhundert entstandenes deutschsprachiges Rechtsbuch, das vor allem sächsisches Land- und Lehnrecht aufzeichnete. Seine historische Bedeutung erschließt sich aus dem Zusammenhang mit politischen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Entwicklungen. Historischer Kontext Der Begriff gehört zur Rechtsgeschichte und steht in Beziehung zu Römischem Recht, Gemeinem Recht und modernen Kodifikationen. Bedeutung Er verdeutlicht, wie ältere…

  • Gesellschaftsvertrag

    Gesellschaftsvertrag ist ein rechts- und staatsphilosophisches Gedankenmodell, das staatliche Herrschaft und politische Ordnung auf eine gedachte Übereinkunft freier Menschen zurückführt. Es dient der Begründung von Legitimität, Rechten und Pflichten. Grundgedanke Der Begriff gehört zur Rechtsphilosophie und verbindet Fragen nach Gerechtigkeit, Legitimität und Geltung des Rechts. Rechtliche Bedeutung Er dient als Maßstab für Begründung, Bewertung oder…

  • |

    Reichsgericht

    Das Reichsgericht war von 1879 bis 1945 das oberste ordentliche Gericht des Deutschen Reichs mit Sitz in Leipzig. Es entschied insbesondere als Revisionsgericht in Zivil- und Strafsachen und sollte nach der Reichsjustizreform eine einheitliche Anwendung des Reichsrechts gewährleisten. Seine Rechtsprechung prägte das Bürgerliche Gesetzbuch und zahlreiche allgemeine Rechtsgrundsätze. Zugleich war seine Rolle während des Nationalsozialismus…

  • Verrechtlichung

    Verrechtlichung bezeichnet den Prozess, durch den gesellschaftliche Beziehungen, Konflikte oder politische Aufgaben zunehmend rechtlich geregelt und in formelle Verfahren überführt werden. Bereiche, die zuvor durch Gewohnheit, Moral, private Absprachen oder politische Entscheidung gestaltet wurden, erhalten verbindliche Normen und einklagbare Rechte. Verrechtlichung kann Schutz, Transparenz und Gleichbehandlung stärken, zugleich aber Komplexität, Bürokratie und eine Verlagerung von…

  • Prozedurale Gerechtigkeit

    Prozedurale Gerechtigkeit bezeichnet Gerechtigkeit, die durch faire, unparteiische und transparente Verfahren verwirklicht wird. Wesentlich sind insbesondere rechtliches Gehör, gleiche Beteiligungschancen, Unabhängigkeit der Entscheidungsträger und nachvollziehbare Begründungen. Grundgedanke Der Begriff gehört zur Rechtsphilosophie und verbindet Fragen nach Gerechtigkeit, Legitimität und Geltung des Rechts. Rechtliche Bedeutung Er dient als Maßstab für Begründung, Bewertung oder Begrenzung rechtlicher und…

  • |

    Nürnberger Gesetze

    Nürnberger Gesetze ist die Sammelbezeichnung für zentrale nationalsozialistische Gesetze, die am 15. September 1935 erlassen wurden. Besonders das Reichsbürgergesetz und das Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre entzogen jüdischen Deutschen wesentliche Rechte und verboten bestimmte Eheschließungen und Beziehungen. Die Vorschriften machten rassistische Ideologie zum staatlichen Recht und bildeten eine Grundlage für…