Liber Augustalis

Der Liber Augustalis ist eine 1231 in Melfi erlassene Gesetzessammlung Friedrichs II. für das Königreich Sizilien. Die auch als Konstitutionen von Melfi bezeichnete Sammlung regelte unter anderem königliche Verwaltung, Gerichtsbarkeit, Strafrecht und private Rechtsverhältnisse. Sie verband die Zusammenfassung älterer Normen mit neuen Bestimmungen und stärkte den königlichen Herrschaftsanspruch. Obwohl Friedrich zugleich Kaiser war, handelte es sich nicht um ein einheitlich im gesamten Heiligen Römischen Reich geltendes Gesetzbuch oder um eine moderne Verfassung.

Königreich und Herrschaftsordnung

Das mittelalterliche Königreich Sizilien umfasste auch Gebiete auf dem süditalienischen Festland. Der räumliche Geltungsbereich ist deshalb von Friedrichs kaiserlicher Stellung zu unterscheiden. Die Sammlung ordnete Amtspflichten und Verfahren und beanspruchte eine starke königliche Rechtsgewalt. Juristische Glossen erläuterten ihre Vorschriften. Die erhaltene Überlieferung enthält verschiedene Textfassungen und spätere Ergänzungen; für eine genaue Untersuchung sind Ausgabe und zeitlicher Textstand zu benennen.

Beispiel

Ein königlicher Amtsträger im Königreich Sizilien entscheidet einen Streit. Die Konstitutionen können seine Zuständigkeit und Verfahrenspflichten regeln. Daraus folgt nicht, dass ein Richter in einer deutschen Reichsstadt derselben Ordnung allein wegen Friedrichs Kaisertitel unterstand.

FAQ

Warum heißt die Sammlung auch Konstitutionen von Melfi?

Melfi war der Ort ihres Erlasses im Jahr 1231.

Galt sie überall im Reich?

Nein. Ihr Bezug war das Königreich Sizilien, nicht das gesamte Heilige Römische Reich.

Was sind die Glossen?

Juristische Erläuterungen zu den Gesetzesbestimmungen, die Teil ihrer wissenschaftlichen und praktischen Rezeption wurden.

Verwandte Begriffe

Rechtsgeschichte · Kodifikation · Heiliges Römisches Reich · Gemeines Recht · Römisches Recht · Rezeption des römischen Rechts

Quellen und weiterführende Informationen

Bayerische Akademie der Wissenschaften: Liber Augustalis · LMU: Edition der Konstitutionen von Melfi und ihrer Glossen · Zum Vergleich: Grundlagen des heutigen deutschen Zivilrechts

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechtsberatung.

Ähnliche Beiträge

  • |

    Actio negatoria

    Actio negatoria bezeichnet eine dingliche Klage des römischen Rechts, mit der der Eigentümer eine behauptete fremde Berechtigung an seiner Sache abwehrt. Sie dient insbesondere dazu, das Bestehen eines vom Gegner beanspruchten Nutzungs- oder Dienstbarkeitsrechts zu verneinen und entsprechende Eigentumsbeeinträchtigungen zu beseitigen. Anders als die Rei vindicatio zielt sie grundsätzlich nicht auf die Rückgewinnung des entzogenen…

  • |

    Abwägungsgesetz

    Abwägungsgesetz Abwägungsgesetz bezeichnet in der Prinzipientheorie die Aussage, dass eine Beeinträchtigung eines Rechtsprinzips umso gewichtiger gerechtfertigt sein muss, je intensiver sie ausfällt. Der Nutzen für das gegenläufige Prinzip muss die konkrete Eingriffsintensität tragen. Das Gesetz strukturiert vor allem die Angemessenheitsprüfung innerhalb der Verhältnismäßigkeit. Es liefert keine automatische Entscheidung, verlangt aber eine transparente Zuordnung von Intensität,…

  • |

    Bayerische Verfassung von 1919

    Die Bayerische Verfassung von 1919 war die republikanische Landesverfassung des Freistaats Bayern nach dem Ende der Monarchie. Sie wurde am 14. August 1919 ausgefertigt und wird wegen ihres Entstehungsorts auch Bamberger Verfassung genannt. Sie ordnete die Staatsgewalt auf demokratischer Grundlage, regelte Landtag und Staatsregierung und enthielt Rechte und Pflichten des Staatsbürgers. Als Landesverfassung stand sie…

  • |

    Interdictum

    Ein Interdictum ist im römischen Recht eine obrigkeitliche Anordnung des Prätors, die ein bestimmtes Verhalten gebietet oder untersagt. Interdikte dienten insbesondere dem Schutz des Besitzes, konnten aber auch andere rechtlich geschützte Interessen betreffen. Die überlieferten Formen werden unter anderem in verbietende, wiederherstellende und vorweisende Anordnungen eingeteilt. Ihr Gegenstand, ihre Voraussetzungen und das anschließende Verfahren unterscheiden…

  • |

    Bürgerliches Gesetzbuch von 1900

    Bürgerliches Gesetzbuch von 1900 ist die am 1. Januar 1900 in Kraft getretene Kodifikation des deutschen allgemeinen Privatrechts und vereinheitlichte das zuvor zersplitterte Zivilrecht. Der Begriff ist für das Verständnis der Entwicklung der deutschen Rechtsordnung und ihrer Institutionen von besonderer Bedeutung. Historischer Zusammenhang Der Begriff gehört zur Rechtsgeschichte und steht mit Verfassungsentwicklung, Kodifikation und gerichtlicher…

  • |

    Mancipatio

    Die Mancipatio ist ein förmlicher Übertragungsakt des älteren römischen Rechts. Sie erfolgt als symbolischer Kauf unter Verwendung von Erz und Waage vor fünf volljährigen römischen Bürgern als Zeugen und einem Waagehalter. Der Erwerber erklärt seinen Rechtsanspruch in vorgeschriebenen Worten. Die Form dient insbesondere der Übertragung von res mancipi, etwa italischen Grundstücken und bestimmten Arbeitstieren. Sie…