|

Offene Textur des Rechts

Offene Textur des Rechts Offene Textur des Rechts bezeichnet die unvermeidbare Unbestimmtheit allgemeiner Rechtsbegriffe an ihren Anwendungsgrenzen. Gesetzgeber können nicht sämtliche künftigen Sachverhalte vorhersehen; Sprache besitzt klare Kernfälle, aber auch zweifelhafte Randfälle. Nach H. L. A. Hart muss der Richter in solchen Fällen eine begrenzte rechtsschöpferische Wahl treffen. Die These erklärt Auslegungsspielräume, ohne zu behaupten, dass jede Entscheidung beliebig oder das gesamte Recht unbestimmt sei.

Einordnung

Allgemeine Begriffe sind notwendig, damit Regeln viele Fälle erfassen. Neue Technologien, ungewöhnliche Umstände oder Grenzfälle zeigen jedoch, dass kein Wortlaut alle Anwendungsmöglichkeiten abschließend festlegt.

Bedeutung und Abgrenzung

Die offene Textur ist von einer planwidrigen Gesetzeslücke zu unterscheiden. Sie kann bereits dadurch entstehen, dass ein vorhandener Begriff im Randbereich mehrere vertretbare Deutungen zulässt.

Beispiel

Eine Parkordnung verbietet „Fahrzeuge“ im Park. Für Autos ist der Fall klar; bei einem neuartigen selbstbalancierenden Transportgerät ist zweifelhaft, ob Zweck und Sprachgebrauch es erfassen.

Häufige Fragen

Ist jede Norm offen?

Viele allgemeine Normen besitzen Randbereiche, doch zahlreiche Fälle liegen in einem klaren Bedeutungskern.

Darf der Richter frei entscheiden?

Nein. Wortlaut, Zweck, Systematik, Präjudizien und institutionelle Grenzen strukturieren die Entscheidung.

Was kritisiert Dworkin an Hart?

Dworkin betont, dass auch in schwierigen Fällen bereits rechtliche Prinzipien anspruchsbegründend wirken können.

Zusammenhänge und Quellen

Vertiefend helfen die Wörterbuchartikel zu Gerechtigkeit, Rechtsnorm, Auslegung, Naturrecht, Rechtspositivismus und Rechtsstaatsprinzip.

Weiterführende, nicht werbliche Informationen zur rechtsstaatlichen und grundrechtlichen Einordnung bieten das-grundgesetz.de, grundrechte-faq.de und der amtliche Text des Grundgesetzes.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechtsberatung.

Ähnliche Beiträge

  • Analogie

    Eine Analogie ist die Übertragung der Rechtsfolge einer gesetzlichen Regelung auf einen vom Wortlaut nicht erfassten, aber vergleichbaren Sachverhalt. Sie setzt grundsätzlich eine planwidrige Regelungslücke und eine vergleichbare Interessenlage voraus. Die Analogie dient der methodisch gebundenen Rechtsfortbildung. Sie ist von einer bloß weiten Auslegung zu unterscheiden. Voraussetzungen Das Gesetz muss eine Lücke enthalten, die dem…

  • |

    Pandektenrecht

    Pandektenrecht bezeichnet das auf den Digesten des Corpus Iuris Civilis beruhende, wissenschaftlich systematisierte römische Privatrecht, wie es insbesondere im 19. Jahrhundert in Deutschland gelehrt und fortgebildet wurde. Die Pandektistik ordnete Rechtsbegriffe abstrakt und entwickelte ein geschlossenes System des Privatrechts. Sie prägte zentrale Institute wie Rechtsgeschäft, Anspruch, Eigentum und Schuldverhältnis und beeinflusste Aufbau und Begrifflichkeit des…

  • |

    Prinzipientheorie

    Prinzipientheorie Prinzipientheorie bezeichnet eine Normtheorie, die Rechtsregeln und Rechtsprinzipien strukturell unterscheidet. Regeln werden grundsätzlich definitiv angewendet, während Prinzipien als Optimierungsgebote eine möglichst weitgehende Verwirklichung innerhalb rechtlicher und tatsächlicher Möglichkeiten verlangen. Kollidierende Prinzipien werden nicht für ungültig erklärt, sondern im konkreten Fall gewichtet. Besonders einflussreich ist dieser Ansatz für Grundrechtsdogmatik und Verhältnismäßigkeitsprüfung. Kritiker bezweifeln, dass Abwägungen…

  • |

    Reichszivilprozessordnung

    Die Reichszivilprozessordnung war die 1877 verkündete und 1879 in Kraft getretene reichseinheitliche Kodifikation des gerichtlichen Verfahrens in bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten. Als Teil der Reichsjustizgesetze vereinheitlichte sie Zuständigkeiten, Klage, Verhandlung, Beweis, Urteil, Rechtsmittel und Zwangsvollstreckung. Leitbilder waren unter anderem Mündlichkeit, Öffentlichkeit und Parteibetrieb. Nach zahlreichen Änderungen bildet das Gesetz in rechtlicher Kontinuität die heutige Zivilprozessordnung der Bundesrepublik…

  • |

    Rei vindicatio

    Rei vindicatio bezeichnet die Eigentumsklage des römischen Rechts, mit der der Eigentümer eine ihm gehörende Sache vom Besitzer herausverlangt. Sie gehört zu den dinglichen Klagen, weil sie auf das Eigentumsrecht an der Sache und nicht auf eine persönliche vertragliche Verpflichtung gestützt wird. Der Kläger muss sein Eigentum nachweisen; der Beklagte kann entgegenstehende Einreden geltend machen….

  • |

    Kodifikation

    Eine Kodifikation ist die planmäßige, systematische und grundsätzlich umfassende Zusammenfassung eines größeren Rechtsgebiets in einem Gesetzbuch. Sie soll verstreute Regeln ordnen, vereinheitlichen und für Rechtsanwender zugänglich machen. Kodifikationen beruhen häufig auf einer bewussten gesetzgeberischen Gesamtkonzeption und unterscheiden sich von bloßen Sammlungen bestehender Vorschriften. Bedeutende Beispiele sind das Bürgerliche Gesetzbuch, der Code civil und historische Strafgesetzbücher….