Schwere Körperverletzung

Schwere Körperverletzung nach § 226 StGB ist eine erfolgsqualifizierte Körperverletzung, bei der das vorsätzliche Grunddelikt eine gesetzlich bezeichnete schwere Dauerfolge verursacht. Dazu zählen insbesondere der Verlust bestimmter Sinnes- oder Körperfunktionen, der Verlust oder die dauernde Gebrauchsunfähigkeit eines wichtigen Körperglieds sowie erhebliche dauernde Entstellung, Siechtum, Lähmung oder geistige Krankheit beziehungsweise Behinderung. Hinsichtlich der schweren Folge genügt grundsätzlich Fahrlässigkeit; absichtliche oder wissentliche Herbeiführung unterliegt dem erhöhten Strafrahmen des § 226 Abs. 2 StGB.

Aufbau als erfolgsqualifiziertes Delikt

§ 226 StGB setzt zunächst eine vorsätzliche Körperverletzung nach §§ 223 bis 226a StGB voraus. Zu diesem Grunddelikt muss eine der abschließend bezeichneten schweren Folgen hinzutreten. Der Täter braucht die Folge im Fall des § 226 Abs. 1 nicht vorsätzlich herbeizuführen; nach § 18 StGB muss ihm insoweit aber wenigstens Fahrlässigkeit vorzuwerfen sein.

Die Erfolgsqualifikation verbindet damit vorsätzliches Unrecht des Grunddelikts mit einer wenigstens fahrlässig verursachten besonders schweren Folge. Eine bloße leichte oder vorübergehende Beeinträchtigung genügt nicht.

Verlust besonderer Fähigkeiten

Sehvermögen

Erfasst ist der Verlust des Sehvermögens auf einem oder beiden Augen. Ein vollständiger anatomischer Verlust des Auges ist nicht erforderlich; die Fähigkeit muss funktionell aufgehoben oder auf einen praktisch unbrauchbaren Rest reduziert sein. Eine bloße, auch erhebliche Sehschwäche erreicht die gesetzliche Schwelle nicht automatisch.

Gehör, Sprechvermögen und Fortpflanzungsfähigkeit

Der Verlust des Gehörs bezieht sich auf das Hörvermögen als menschliche Fähigkeit und verlangt eine weitgehende Aufhebung. Beim Sprechvermögen geht es um die Fähigkeit zur verständlichen sprachlichen Artikulation. Fortpflanzungsfähigkeit meint die Fähigkeit zur Zeugung beziehungsweise Empfängnis. Die Folge muss nach medizinischer Prognose dauerhaft sein.

Wichtiges Körperglied

Ein Glied ist ein äußerer Körperteil mit in sich abgeschlossener Existenz und besonderer Funktion, der mit dem Körper verbunden ist. Wichtig ist es, wenn seine Funktion für den Gesamtorganismus erhebliches Gewicht besitzt. § 226 Abs. 1 Nr. 2 erfasst sowohl den körperlichen Verlust als auch die dauernde Unbrauchbarkeit. Die Bewertung berücksichtigt die generelle Bedeutung und die konkreten Auswirkungen für den Verletzten.

Vorübergehende Funktionsstörungen reichen nicht. Eine dauernde Gebrauchsunfähigkeit liegt vor, wenn die wesentlichen Funktionen auf unabsehbare Zeit verloren sind; eine geringe Restbeweglichkeit schließt sie nicht aus, wenn das Glied praktisch nicht mehr sinnvoll eingesetzt werden kann.

Entstellung, Siechtum, Lähmung und geistige Folgen

Erhebliche dauernde Entstellung

Entstellung ist eine Verunstaltung der äußeren Gesamterscheinung. Sie muss dauerhaft und in ihrer Bedeutung den übrigen schweren Folgen des § 226 vergleichbar sein. Nicht nur das Gesicht kann betroffen sein. Entscheidend sind Ausmaß, Sichtbarkeit und Wirkung der Veränderung, nicht allein das subjektive Empfinden des Verletzten.

Siechtum und Lähmung

Siechtum bezeichnet einen chronischen Krankheitszustand, der den Gesamtorganismus erfasst und zu fortdauernder Beeinträchtigung führt. Lähmung erfordert eine erhebliche dauerhafte Einschränkung der Bewegungsfähigkeit eines Körperteils; geringfügige Bewegungseinbußen genügen nicht.

Geistige Krankheit oder Behinderung

Erfasst sind erhebliche krankhafte oder behinderungsbedingte Störungen geistiger Funktionen, die durch die Körperverletzung verursacht werden und von Dauer sind. Eine kurzfristige seelische Belastungsreaktion erfüllt den Tatbestand nicht.

Kausalität und spezifischer Gefahrzusammenhang

Die Körperverletzung muss für die schwere Folge ursächlich sein. Darüber hinaus muss sich in der Folge gerade eine Gefahr verwirklichen, die dem vorsätzlichen Grunddelikt anhaftet. Ein völlig außerhalb des Verletzungsrisikos liegender Zufall genügt nicht. Der Zusammenhang kann auch bestehen, wenn das Opfer in nachvollziehbarer Reaktion auf den Angriff eine folgenschwere Flucht- oder Abwehrhandlung vornimmt.

Subjektive Anforderungen

§ 226 Abs. 1 StGB

Der Täter muss das Grunddelikt vorsätzlich begehen. Für die schwere Folge genügt Fahrlässigkeit nach § 18 StGB: Sie muss objektiv vorhersehbar und vermeidbar gewesen sein, und der Täter muss nach seinen Fähigkeiten sorgfaltswidrig gehandelt haben.

§ 226 Abs. 2 StGB

Führt der Täter die schwere Folge absichtlich oder wissentlich herbei, gilt der verschärfte Strafrahmen. Absicht bedeutet, dass es ihm gerade auf die Folge ankommt; Wissentlichkeit verlangt sichere Kenntnis ihres Eintritts. Bedingter Vorsatz genügt für Absatz 2 nicht, kann aber die Fahrlässigkeitsanforderung des Absatzes 1 deutlich überschreiten.

Abgrenzung zu § 224 und § 227 StGB

Die gefährliche Körperverletzung nach § 224 StGB knüpft an die besondere Art der Tatausführung an, etwa an ein gefährliches Werkzeug oder einen hinterlistigen Überfall. § 226 StGB knüpft dagegen an eine schwere Dauerfolge an. Beide Vorschriften können gleichzeitig erfüllt sein.

Die Körperverletzung mit Todesfolge nach § 227 StGB erfasst den Tod des Verletzten. § 226 betrifft demgegenüber das Überleben mit einer der gesetzlich bestimmten schweren Folgen.

Versuch und Strafrahmen

§ 226 Abs. 1 sieht grundsätzlich Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren vor und ist damit ein Verbrechen. Bei absichtlicher oder wissentlicher Herbeiführung beträgt die Mindeststrafe nach Absatz 2 drei Jahre. Ein Versuch kommt insbesondere in Betracht, wenn der Täter mit Absicht oder sicherem Wissen auf eine schwere Folge abzielt, diese aber ausbleibt.

Beispiel

Ein Täter schlägt dem Opfer vorsätzlich mit einem schweren Gegenstand gegen das Auge. Das Opfer verliert dauerhaft das Sehvermögen auf diesem Auge. Hat der Täter die dauerhafte Erblindung wenigstens fahrlässig verursacht, ist § 226 Abs. 1 erfüllt. Wollte er das Opfer gerade erblinden lassen oder wusste er sicher, dass dies eintreten werde, ist § 226 Abs. 2 zu prüfen. Zugleich kann wegen des Werkzeugeinsatzes § 224 StGB vorliegen.

Häufige Fragen

Genügt eine lange, aber heilbare Verletzung?

Nicht ohne Weiteres. § 226 verlangt eine der gesetzlich genannten und grundsätzlich dauerhaften schweren Folgen.

Muss der Täter die Dauerfolge wollen?

Für § 226 Abs. 1 nein; mindestens Fahrlässigkeit genügt. Absicht oder Wissentlichkeit führen jedoch zum erhöhten Strafrahmen des Absatzes 2.

Schließt § 226 eine gefährliche Körperverletzung aus?

Nein. Eine Tat kann zugleich die gefährliche und die schwere Körperverletzung erfüllen.

Rechtsgrundlagen und Vertiefung

Maßgeblich sind § 226 StGB und § 18 StGB. Weitere Erläuterungen bietet strafrecht-faq.de.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechtsberatung.

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