| |

Wiederaufgreifen des Verfahrens

Wiederaufgreifen des Verfahrens ist die erneute sachliche Prüfung eines bestandskräftig abgeschlossenen Verwaltungsverfahrens. § 51 VwVfG gewährt unter bestimmten Voraussetzungen einen Anspruch, insbesondere bei nachträglicher Änderung der Sach- oder Rechtslage, neuen günstigen Beweismitteln oder Wiederaufnahmegründen entsprechend der Zivilprozessordnung. Der Betroffene muss den Grund grundsätzlich fristgerecht geltend machen und darf ihn im früheren Verfahren nicht grob schuldhaft versäumt haben. Daneben kann die Behörde nach allgemeinen Aufhebungsvorschriften erneut entscheiden.

Rechtliche Einordnung

Das Wiederaufgreifen durchbricht die Bestandskraft nur aus gesetzlich anerkannten Gründen. Der Antrag ist bei der zuständigen Behörde zu stellen. Sie prüft zunächst die Zulässigkeit des Wiederaufgreifens und sodann die neue Sachentscheidung.

Voraussetzungen und Rechtsfolgen

Ein neuer Umstand muss geeignet sein, eine günstigere Entscheidung herbeizuführen. Der Antrag ist grundsätzlich binnen drei Monaten ab Kenntnis des Wiederaufgreifensgrundes zu stellen. Ausgeschlossen sind Gründe, die der Betroffene grob schuldhaft schon früher nicht vorgetragen hat.

Abgrenzung

Das Wiederaufgreifen im engeren Sinne nach § 51 VwVfG vermittelt bei erfüllten Voraussetzungen einen Anspruch. Davon wird das Wiederaufgreifen im weiteren Sinne unterschieden, bei dem die Behörde nach Ermessen über eine erneute Sachprüfung entscheidet.

Beispiel

Ein bestandskräftig abgelehnter Antrag beruhte auf einem fehlenden medizinischen Nachweis. Später wird ein bereits damals bestehender, aber ohne grobes Verschulden unbekannter Befund aufgefunden, der die Anspruchsvoraussetzungen belegt. Ein Wiederaufgreifen kann in Betracht kommen.

Häufige Fragen

Hebt der Antrag die Bestandskraft sofort auf?

Nein. Erst eine positive Entscheidung über das Wiederaufgreifen eröffnet die erneute Sachprüfung.

Welche Frist gilt?

Grundsätzlich drei Monate ab Kenntnis des Wiederaufgreifensgrundes.

Genügt eine andere Rechtsauffassung?

Eine bloße Neubewertung unveränderter Umstände ist regelmäßig kein Wiederaufgreifensgrund nach § 51 VwVfG.

Weiterführende Hinweise

Siehe Bestandskraft, Rücknahme eines Verwaltungsakts und Widerruf eines Verwaltungsakts. Als vertiefende Quellen eignen sich verwaltungsrecht-faq.de sowie die amtlichen Texte des Verwaltungsverfahrensgesetzes und der Verwaltungsgerichtsordnung.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechtsberatung.

Ähnliche Beiträge

  • Ehefreiheit

    Ehefreiheit bezeichnet das Recht, eine Ehe einzugehen, einen Ehepartner frei zu wählen und eheliche Lebensgemeinschaft selbstbestimmt zu gestalten. Der Begriff gehört zur Grundrechtslehre und bestimmt Reichweite, Schutzintensität oder verfahrensrechtliche Sicherung individueller Freiheit. Seine Anwendung verlangt regelmäßig eine sorgfältige Abwägung zwischen persönlicher Selbstbestimmung und verfassungsrechtlich anerkannten Gemeinschaftsbelangen. Maßgeblich sind das Grundgesetz und die gefestigte Rechtsprechung des…

  • |

    Einwilligung nach DSGVO

    Einwilligung nach DSGVO ist eine freiwillige, für einen bestimmten Fall, informierte und unmissverständliche Willensbekundung des Betroffenen, mit der er einer Verarbeitung personenbezogener Daten zustimmt. Sie kann durch Erklärung oder eindeutige bestätigende Handlung erfolgen. Schweigen, vorangekreuzte Kästchen oder unnötige Kopplungen genügen regelmäßig nicht. Der Verantwortliche muss die Einwilligung nachweisen können; der Betroffene kann sie jederzeit mit…

  • |

    Befangenheit im Verwaltungsverfahren

    Befangenheit im Verwaltungsverfahren liegt vor, wenn konkrete Umstände geeignet sind, Misstrauen gegen die unparteiische Amtsausübung eines Behördenmitarbeiters zu rechtfertigen. Entscheidend ist nicht, ob dieser tatsächlich voreingenommen handelt, sondern ob aus objektiver Sicht ein nachvollziehbarer Zweifel an seiner Neutralität besteht. Neben gesetzlichen Ausschlussgründen erfasst § 21 VwVfG persönliche, wirtschaftliche oder sonstige Beziehungen, die eine sachgerechte Entscheidung…

  • Landesverfassungsgericht

    Landesverfassungsgericht bezeichnet ein Gericht, das über die Auslegung und Anwendung der Verfassung eines Landes entscheidet. Er gehört zum Verfassungs- und Staatsorganisationsrecht und ordnet Zuständigkeiten, Verfahren oder Kontrollbefugnisse öffentlicher Gewalt. Seine Anwendung ist an demokratische Legitimation, föderale Kompetenzgrenzen und rechtsstaatliche Sicherungen gebunden. Maßgeblich sind das Grundgesetz, das Bundesverfassungsgerichtsgesetz und die verfassungsgerichtliche Rechtsprechung. Der Begriff sichert damit…

  • |

    Öffentlich-rechtlicher Vertrag

    Ein öffentlich-rechtlicher Vertrag ist eine Vereinbarung, durch die ein Rechtsverhältnis auf dem Gebiet des öffentlichen Rechts begründet, geändert oder aufgehoben wird. Gesetzliche Grundlage Die Regeln enthalten §§ 54 ff. VwVfG. Soweit Vorschriften nicht entgegenstehen, kann ein öffentlich-rechtliches Rechtsverhältnis vertraglich gestaltet werden. Arten Beim koordinationsrechtlichen Vertrag stehen sich gleichgeordnete Partner gegenüber. Beim subordinationsrechtlichen Vertrag handelt eine…

  • Gesetzgebungskompetenz

    Die Gesetzgebungskompetenz bezeichnet die verfassungsrechtliche Befugnis, für ein bestimmtes Sachgebiet Gesetze zu erlassen. Im Bundesstaat verteilt das Grundgesetz diese Befugnis zwischen Bund und Ländern. Grundsätzlich besitzen die Länder das Gesetzgebungsrecht, soweit das Grundgesetz dem Bund keine Kompetenz zuweist. Bundeskompetenzen bestehen insbesondere als ausschließliche oder konkurrierende Gesetzgebung. Fehlt dem Bund eine Zuständigkeit, ist ein Bundesgesetz formell…