| |

Anscheinsgefahr

Anscheinsgefahr ist eine Sachlage, die aus der Sicht eines verständigen Amtsträgers im Zeitpunkt der polizeilichen Entscheidung bei sorgfältiger Würdigung wie eine konkrete Gefahr erscheint, obwohl sich später herausstellt, dass tatsächlich keine Gefahr bestand. Weil Gefahrenabwehr unter Zeitdruck auf einer Prognose beruht, kann eine auf diesen Anschein gestützte Maßnahme rechtmäßig sein. Erforderlich sind objektive tatsächliche Anhaltspunkte; eine bloß subjektive oder sorgfaltswidrige Fehlvorstellung genügt nicht.

Rechtliche Einordnung

Die Anscheinsgefahr ist ein Begriff des Polizei- und Ordnungsrechts. Für die Rechtmäßigkeit der Maßnahme zählt die vertretbare Prognose im Entscheidungszeitpunkt. Der spätere Wegfall des Anscheins macht den ursprünglichen Verwaltungsakt nicht rückwirkend rechtswidrig.

Rechtsfolgen und praktische Bedeutung

Die Polizei darf bei vertretbarer Gefahrenprognose die landesrechtlich vorgesehenen Maßnahmen treffen. Auswahl und Intensität bleiben an Verhältnismäßigkeit und an Ermessen gebunden. Kosten- und Entschädigungsfolgen können besonderen Regeln unterliegen.

Abgrenzung

Die Anscheinsgefahr unterscheidet sich von der Putativgefahr. Bei dieser beruht die Gefahrenannahme auf einer pflichtwidrigen Fehlbeurteilung ohne ausreichende Tatsachengrundlage. Auch ein bloßer Gefahrenverdacht kann andere Befugnisse und Ermittlungsmaßnahmen auslösen.

Beispiel

Passanten melden eine Person mit scheinbarer Schusswaffe in einem Bahnhof. Die Polizei greift ein. Später erweist sich die Waffe als täuschend echte Attrappe; nach den damaligen Umständen lag dennoch eine Anscheinsgefahr vor.

Häufige Fragen

Muss wirklich eine Gefahr bestanden haben?

Nein. Entscheidend ist, ob der Anschein aus damaliger Sicht objektiv und sorgfältig begründet war.

Ist jede Fehlprognose ausreichend?

Nein. Eine nur subjektive oder sorgfaltswidrige Fehlvorstellung genügt nicht.

Darf jede Maßnahme ergriffen werden?

Nein. Befugnis, Ermessen und Verhältnismäßigkeit müssen zusätzlich vorliegen.

Verwandte Begriffe und Quellen

Bayerisches Polizeiaufgabengesetz und verwaltungsrecht-faq.de

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechtsberatung.

Ähnliche Beiträge

  • |

    Wahlprüfungsbeschwerde

    Die Wahlprüfungsbeschwerde ist ein Rechtsbehelf zum Bundesverfassungsgericht gegen eine Entscheidung des Bundestages im Wahlprüfungsverfahren. Sie betrifft insbesondere Fehler bei der Vorbereitung oder Durchführung einer Bundestagswahl und deren mögliche Auswirkungen auf die Sitzverteilung. Beschwerdeberechtigt sind unter den gesetzlichen Voraussetzungen Wahlberechtigte, Gruppen von Wahlberechtigten, Fraktionen und Minderheiten des Bundestages. Das Verfahren dient der objektiven Sicherung ordnungsgemäßer Wahlen…

  • |

    Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit

    Der Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit tritt nur aufgrund eines gesetzlich geregelten Verlusttatbestands ein. Das Staatsangehörigkeitsgesetz nennt insbesondere die genehmigte Entlassung durch Verzicht, bestimmte freiwillige Dienste in ausländischen Streitkräften oder die konkrete Beteiligung an Kampfhandlungen einer terroristischen Vereinigung sowie die Rücknahme einer erschlichenen Einbürgerung. Der bloße Erwerb einer ausländischen Staatsangehörigkeit führt nach geltendem Recht nicht mehr…

  • |

    Vertragsänderung

    Vertragsänderung bezeichnet die einvernehmliche inhaltliche Neugestaltung eines geltenden völkerrechtlichen Vertrags durch seine Parteien. Sie richtet sich vorrangig nach den Änderungsklauseln des Vertrags und ergänzend nach der Wiener Vertragsrechtskonvention. Bei multilateralen Verträgen ist zwischen einer Änderung für alle Parteien und begrenzten Vereinbarungen nur einiger Parteien zu unterscheiden. Erforderlich sind Vertretungsmacht, wirksame Zustimmung und Beachtung zwingenden Völkerrechts…

  • Zuständigkeit

    Zuständigkeit bezeichnet die gesetzlich bestimmte Befugnis einer Behörde oder eines Gerichts, eine bestimmte Aufgabe in einem konkreten Fall wahrzunehmen. Sie ist ein zentraler Bestandteil der formellen Rechtmäßigkeit und des Prozessrechts. Arten der Zuständigkeit Unterschieden werden insbesondere sachliche, örtliche und instanzielle Zuständigkeit. Daneben können funktionelle Zuständigkeitsregeln bestimmen, welches Organ oder welcher Amtsträger handeln darf. Bedeutung im…

  • Kabinettsprinzip

    Kabinettsprinzip bezeichnet den Grundsatz, dass die Bundesregierung über gemeinsame Angelegenheiten als Kollegium berät und entscheidet. Er gehört zum Staatsorganisationsrecht und bestimmt Zuständigkeiten, Verfahren oder politische Verantwortungsbeziehungen innerhalb des Bundesstaates. Seine Anwendung muss demokratische Legitimation, föderale Ordnung und rechtsstaatliche Grenzen miteinander verbinden. Maßgeblich sind das Grundgesetz, die Geschäftsordnungen der Verfassungsorgane und die verfassungsgerichtliche Rechtsprechung. Der Begriff…

  • | | |

    Intertemporale Freiheitssicherung

    Intertemporale Freiheitssicherung bedeutet, dass staatliche Klimapolitik Freiheit nicht nur gegenwärtig, sondern über die Zeit hinweg ausgewogen schützen muss. Werden heute große Teile eines begrenzten Emissionsbudgets verbraucht, können später drastische Minderungen erforderlich werden, die nahezu alle Lebensbereiche betreffen. Grundrechte schützen deshalb vor einer unverhältnismäßigen Verlagerung solcher Lasten in die Zukunft. Der Gesetzgeber muss frühzeitig hinreichend konkrete…